Anders Interpretieren

Anders Interpretieren

Eindrücke von der Tagung des ‚Ateliers für Kulturmorphologie‘ in der Celenus Klinik in Schömberg/Schwarzwald

Das ‚Atelier für Kulturmorphologie‘ hatte sich für seine am 17./18. März 2018 veranstaltete Tagung einen Rahmen gesteckt, der über (musik-) therapeutische Themenfelder hinausging. Unter dem Titel ‚Anders Interpretieren, Kunst – Psychotherapie – Alltag‘ wurde interessierten Menschen die Möglichkeit geboten, die Anwendung der von Wilhelm Salber entwickelten Psychologischen Morphologie auf verschiedene Kulturphänomene zu erleben. In den vier zentralen Veranstaltungen stand die Methode der ‚Beschreibung‘ als einem prominenten Instrument morphologischen Arbeitens im Mittelpunkt. Hierbei wird das subjektive Erleben im Sinne eines phänomenologischen Vorgehens als Zugang  zu dem jeweiligen Gegenstand genutzt. In den als ‚Werkstatt‘ überschriebenen Veranstaltungen wurde im praktischen Tun jedem Teilnehmer die Möglichkeit gegeben, dieses Verfahren zu erleben und an vier sehr unterschiedlichen Gegenständen zu erproben. Der Veranstaltungsort, die im nördlichen Schwarzwald gelegene Celenus Klinik Schömberg, stellte dabei ein sehr passendes Ambiente zur Verfügung,  bei dem auch für das leibliche Wohl bestens gesorgt war. In der kleinen Arbeitsgruppe, deren Mitglieder aus dem ganzen süddeutschen Raum (und dem angrenzenden Frankreich) angereist waren, fanden sich mit Musiktherapeuten, Kunsttherapeuten und Psychologen ein Spektrum unterschiedlicher Berufsgruppen, das die Breite des anvisierten Themengebiets trefflich wiederspiegelte.

Werkstatt 1: Übergangserfahrungen im Alltag

In der ersten Werkstatt, die von dem in Riedstadt/Hessen tätigen Dipl. Musiktherapeuten Chris Mömesheim angeleitet wurde, entstanden im freien Schreiben aller Teilnehmer Alltagsbeschreibungen, die die jeweilige Anfahrt zu der Tagung zum Gegenstand hatten. Bereits das Schreiben setzte einen selbstreflexiven Prozess in Gang, in dem eigenes Handeln und Erleben quasi von Außen betrachtet wurden. Aus den so entstandenen Texten wurde einer ausgewählt und exemplarisch einer eingehenderen Betrachtung  der Gruppe unterzogen, in der, ausgehend von augenfälligen Formulierungen, grundsätzliche Bewegungsrichtungen herausgearbeitet wurden, um sich den Stellenwechseln, den Übergängen des Alltagsgeschehens, anzunähern.

 

Werkstatt 2: Musikalische Ensemblestücke aus der Musiktherapie

Eine größere Nähe zum musiktherapeutischen Tagwerk suchte Dr. Christof Kolb (Dipl. Musik-therapeut FH, Schömberg) in der zweiten Werkstatt des ersten Tagungstages. Hier wurden die Aufnahmen zweier Gruppenimprovisationen aus der therapeutischen Arbeit des Anleiters, die mit wechselnden Besetzungen innerhalb einer Sitzung stattfanden,  gemeinsam aus dem subjektiven Erleben des Einzelnen heraus beschrieben. Aus der Zusammenschau der unterschiedlichen Beschreibungen ließ sich gut herausarbeiten, wie etwas, was in der ersten Musik noch nicht zum Tragen kommen konnte, in der zweiten in Bewegung geriet und die gemeinsame Musik vorwärts trug. Auf diese Weise konnten die Patienten in einer Sitzung, mit den Worten des Anleiters, die ‚Metamorphose ihrer Spielerfahrung durch die Klangproduktion in der Musiktherapie‘ erleben.

 

Werkstatt 3: Kunst sehen

In der dritten Werkstatt, die von den drei anwesenden Mitgliedern des Ateliers für Kulturmorphologie gemeinsam angeleitet wurde, wurden, anhand von Postkartendrucken, drei romantische Gemälde als Gegenstand der morphologischen Beschreibung vorgelegt. Es bestach einmal mehr, wie sich beim längeren Betrachten auch dieser nur ‚en miniature‘ vorliegenden Werke in der Tat ‚Seelenlandschaften‘ auftaten, die, wenn natürlich auch subjektiv gefärbt, doch intersubjektive Übereinstimmungen beinhalteten und sich so auf den ‚äußeren Gegenstand‘ (das Gemälde) beziehen ließen.

Der überaus arbeitsreiche und anregende Tag wurde mit dem gemeinsamen Hören eines impressionistischen Werkes von CD beendet. Über Nacht hatte es dann geschneit und die zehn Zentimeter dicke Schneedecke, die alles einhüllte, verstärkte den bereits beim Ankommen entstandenen Eindruck, hier in die Welt von Manns Zauberberg entführt worden zu sein.

Werkstatt 4: Alltagsepisoden in der Musiktherapie

In der vierten Werkstatt gab Dr. Frank G. Grootaers (Dipl. Musiktherapeut, Bad Honnef) Einblick in sein aktuelles Arbeiten, in dem er sich zentral auf erzählte Alltagsepisoden seiner Klienten bezieht. Dazu brachte er die Verschriftung einer solchen Erzählung mit, die als ‚Anhalt für eine Wirkungsanalyse‘ dienen sollte. Der offenen Beschreibung war hier ein Zwischenschritt vorgeschaltet, in dem die Teilnehmer angehalten wurden, sich auf die im Text verwendeten Verben zu konzentrieren. Nachfolgend wurden dann im offenen Austausch die subjektiven Eindrücke und Einfälle der Einzelnen zu einem Gesamtbild zusammengefügt und vom Werkstattanleiter wieder an die konkrete Fallsituation angebunden.

Abschließend lässt sich sagen, dass es sich aus meiner Sicht um eine rundum gelungene Tagung handelt, die Lust auf mehr gemacht hat. Die Werkstätten waren geprägt von einer offenen und sehr anregenden Arbeitsatmosphäre und die sich immer wieder spontan einflechtenden Exkurse in die Theorie der morphologischen Psychologie oder auch in angrenzende philosophische Bereiche wirkten bereichernd und boten Stoff für angeregte Gespräche. Hier eine engere und konsequentere Verknüpfung herzustellen, wäre von meiner Seite ein Wunsch, der in dieser auf das praktische Tun konzentrierten Tagung ein Stück weit offen bleiben musste. Für die Teilnehmer ergaben sich durch diese Fokussierung auf das Praktische jedoch neben Anregungen für den therapeutischen Alltag auch Impulse, den Blick  im Umgang mit kulturellen Phänomenen über den Arbeitsalltag hinaus zu schärfen. So weiß ich nicht, ob den Veranstaltern für die Zukunft zu wünschen ist, dass nachfolgende Tagungen von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen werden, oder vielleicht doch eher, dass sie auch in Zukunft einem kleinen interessierten Fachpublikum vorbehalten bleiben und so ihren gleichzeitig beschaulichen, wie auch intensiven Charakter wahren können.

 

Dr. Jochen Wagner
33, Rue de la montagne
F 57410 Lambach
wagner-jochen@web.de

Gruppenmusiktherapie als Kultivierungsgeschehen

neuer Artikel in der Literaturliste:
Kolb, Christof (2017): Gruppenmusiktherapie als Kultivierungsgeschehen. In: Rosemarie Tüpker, Harald Gruber (Hg.): Spezifisches und Unspezifisches in den Künstlerischen Therapien. Wissenschaftliche Grundlagen der Künstlerischen Therapien. Band 6.                                Berlin: HPB University Press. S. 121 – 141

Atelier für Kulturmorphologie

Die Idee zur Gründung eines Ateliers für Kulturmorphologie entzündete sich am aufgekommenen Interesse, die morphologische Erfassungsweise auch auf solche „Gegenstände“ auszuweiten, die über Musiktherapie hinausgehen: Tanz, Kunstwerke, „Philosophische Brocken“, Literatur, Film und was noch kommen mag.
Die beiden Fachtagungen in der Klinik Schömberg (2007, 2008) wiesen schon eine solche Ausweitung auf.

Kulturmorphologie will hier zum einen allgemein verstanden werden als eine Morphologie von Kultur, zum anderen als Gestaltbildung von Nichtigkeiten im gelebten Alltag. Beide Zugänge gehen unverbrüchlich auseinander hervor, beziehen sich aufeinander. Bei alledem erweist sich Kultivierung als ein immanentes (innewohnendes) Schwungrad der gelebten Wirklichkeit.
Kultivierung geht von etwas aus (Herkommen), um darin zu etwas anderem zu kommen (woandershin): Aus Korn mach‘ Mehl, aus Mehl mach‘ Brot, im Brot such‘ Sättigung.

Morphologie wird hier aufgefasst als allgemeine Wissenschaftslehre von seelischen Formenbildungen und deren Umbildungen; sie versteht sich als allgemeines Prinzip von Wirklichkeit wie wir ihr im Umgang mit dem Alltag begegnen.
Das Sich-Selbst-Erleben des Seelischen und unser Erleben im seelischen Geschehen ist Gegenstand einer immanenten Erfassungsweise. Das bedeutet, dass Wirklichkeit als Ereignis, im psychologischen Sinne, getragen ist von einer ihr innewohnenden Seelenlogik, der nicht beizukommen ist, wenn man Erklärungsmodelle aus außerseelischen Bereichen hinzubemüht.
Weil Seelisches sich aus sich selbst heraus versteht, können wir auch etwas davon verstehen lernen. Der Zugang zu einem solchen Verstehen erschließt sich durch eine methodische Beschreibung und begriffliche Rekonstruktion in mehreren Schritten. Dabei ist der erlebnisnahe Nachvollzug das Widerlager aller weiteren Auslegungen.

Die Ateliertagungen finden zweimal jährlich statt.
Wer an einer solchen Tagung teilnimmt, soll dort die Möglichkeit haben ein Thema, das sie oder ihn persönlich angeht, vorzustellen und darüber mit den anderen ins Gespräch zu kommen.
Die Tagungen können ebenfalls als „Einführung in die Morphologie“, im Sinne einer Weiterbildung, genutzt werden.

Themen:
Die Themen der 10. Ateliertagung vom 03./04.10.2015:
– Friedrich Nietzsche: „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischem Sinne“ (Chris Mömesheim)
– Maurice Merleau-Ponty: „Der Leib als Ausdruck und die Sprache“,  (Frank G. Grootaers)
– Beschreibung und Rekonstruktion der Klangproduktion eines achtjährigen Jungen    (Kindertherapie) (Timo Hoppert)
– Anläufe zu einer Beschreibung und Rekonstruktion von gemalten Bildern eines Gruppenpatienten nach gehörter Musik (Timo Hoppert)
– Analyse einer Musikbeschreibung durch Gruppenpatienten. Klinik Schömberg. (Christof Kolb)

Ort der Tagungen:
Celenus Klinik Schömberg
Musiktherapiezentrum, Dr. C. Kolb
Dr.-Schröder-Weg 12
75328 Schömberg

Termine:
Das Atelier tagt zweimal jährlich am ersten Wochenende im April und am ersten Wochenende im Oktober jeweils samstags von 14 bis 19 Uhr und sonntags derzeit von 10.30 bis 13 Uhr.
Nächster Termin (vorgezogen auf den Februar): 02./03.02.19; samstags von 13 bis 19 Uhr und  sonntags von 10:30 bis 13 Uhr.
Für die Unterkunft ist selbst zu sorgen.
Information über die Tourismus Information Schömberg,
Tel. 07084/14444, E-Mail touristik@schoemberg.de

Kontaktadresse :
Wer sich für eine Ateliertagung interessiert und sich informieren möchte, wird um telefonische Kontaktaufnahme mit Herrn Dr. Christof Kolb gebeten: Tel. 07052/5274, täglich ab 20 Uhr.

Aktuelle Mitglieder:
Dr. Frank G. Grootaers, Dipl.-Musiktherapeut, geb. 28.11.1943
Dr. Timo Hoppert, Sozialarbeiter (BA), Musiktherapeut (MA), geb. 10.05.1986 Timo Hoppert  Mail
Dr. Christof Kolb, Dipl.-Musiktherapeut (FH), geb. 31.12.1962  Christof KolbMail
Chris Mömesheim, Dipl.-Musiktherapeut, geb. 22.07.1970  Mail
Dr. Jochen Wagner, Dipl.-Musiktherapeut

Empfohlene Literatur:
Fitzek, H., Schulte, A.(Hg.)(1993): Wirklichkeit als Ereignis. Bonn.
Grootaers, F.G. (2013): Im Garten der Möglichkeiten. Kultivierung von Erfahrungsmodi (Jahrbuch Musiktherapie 2013)
Grootaers, F. G. (2015): Musiktherapie als Kultivierung von Erfahrung. Oder: Dornröschen – die Morphologie einer Wiederkehr. Wiesbaden.
Kolb, C. (2016): Die Kultivierung der Klangproduktion am Beispiel der Ensemblestücke in der Musiktherapie. Darstellung einer Kurzbehandlung aus dem Bereich der psychosomatischen Rehabilitation. Münster.
Salber,W. (2008): Wie geht es? Nichtigkeiten und Ganze. Bonn.

 

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